Präsentismus: Definition, Gründe und Maßnahmen

Präsentismus

Sich mit ein bisschen Schnupfen oder Kopfschmerzen krank melden? Für die Mehrheit der Arbeitnehmer:innen kommt das nicht in Frage. Dieses Phänomen nennt sich Präsentismus. Doch bei Krankheit zu arbeiten – egal ob leichte oder schwere Symptome – hat für Mitarbeitende und auch für Unternehmen negative Folgen. Wir zeigen, welche Gründe Präsentismus hat und was Unternehmen dagegen tun können.

Präsentismus durch Leistungseinbrüche entlarven – alles Sache einer guten Performance-Dokumentation.

Definition: Was versteht man unter Präsentismus?

Präsentismus heißt, dass Mitarbeiter:innen trotz Krankheit arbeiten, auch wenn sie sich krank melden oder krankschreiben lassen könnten. Das schränkt ihre Produktivität ein und kann dazu führen, dass sich Erkrankungen chronifizieren. Für Unternehmen kann Präsentismus wirtschaftliche Kosten nach sich ziehen.

Laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ist das ein „Phänomen der modernen Arbeitswelt“, allerdings ließe sich nicht genau bestimmen, wie verbreitet es ist. Denn im Gegensatz zu Krankschreibungen wird dies von Unternehmen nicht standardisiert erfasst – schließlich sind die Mitarbeitenden ja anwesend.

Das Gegenteil von Präsentismus ist übrigens Absentismus. Hier kommen Mitarbeiter:innen regelmäßig nicht zur Arbeit, obwohl sie gesund sind.

Um welche Krankheiten handelt es sich?

Viele Arbeitnehmer:innen kommen bei leichten gesundheitlichen Problemen wie Schnupfen, Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit weiter zur Arbeit. Ganz nach dem Motto: Solange man nicht schwerkrank im Bett liegt, kann man ja noch etwas im Job schaffen. Auch das fällt schon unter Präsentismus und zieht Folgen nach sich, wie wir später im Artikel sehen.

Doch auch bei schwereren Krankheitsverläufen wie Fieber, Grippe oder einer starken Erkältung, bei denen man sich eigentlich ganz klar auskurieren sollte, und bei psychischen Erkrankungen kommt es vor, dass Angestellte zur Arbeit erscheinen.

Krank zur Arbeit – keine Einzelfälle:

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) und der Techniker Krankenkasse geht jede bzw. jeder zweite Angestellte manchmal, häufig oder sehr häufig krank zur Arbeit. Und sogar noch 30 Prozent der Arbeitnehmer:innen arbeiten bei Krankheit gegen ärztlichen Rat oder mit schweren Symptomen.

Was sind die Gründe für Präsentismus?

Warum Mitarbeiter:innen bei Krankheitssymptomen trotzdem arbeiten, kann verschiedene Gründe haben. Viele hängen mit der Unternehmenskultur und der Arbeitsbelastung zusammen:

  • Hohe Arbeitsbelastung und zu wenig Zeit für die Aufgaben: Eine Studie der Techiker Krankenkasse zeigt, dass ein Drittel der Beschäftigen oft oder immer Überstunden macht und bei 40 Prozent fehlt die Zeit, um alle Aufgaben zu schaffen.
  • Pflichtgefühl
  • Rücksichtnahme auf Kolleg:innen
  • Personalmangel und damit fehlende Vertretung bei Krankheit
  • Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes
  • Starke Performance-Kultur im Unternehmen, die einen Fokus auf Anwesenheit und „Extra-Meilen“ außerhalb der Arbeitszeiten legt
  • Angst vor beruflichen Nachteilen

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Welche Folgen kann Präsentismus haben?

Präsentismus kann ernstzunehmende gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben – für die Mitarbeiter:innen selbst, für ihre Teammitglieder und für das Unternehmen.

Chronifizierung von Krankheiten:
Da sich die betroffenen Angestellten nicht schonen, kann es länger dauern, bis sie wieder gesund sind. Außerdem kann Präsentismus Langzeit-Folgen bis hin zur dauerhaften Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehen. Mitarbeiter:innen mit einem generellen schlechteren Gesundheitszustand können langfristig ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben.

Produktivitätsverlust:
Sie werden es selbst kennen, schon mit leichten Kopfschmerzen tut man sich mit der Arbeit schwerer und ist nicht so produktiv wie normalerweise. Die folgende Grafik zeigt, wie stark die Produktivität bei verschiedenen Krankheitsbildern eingeschränkt sein kann. Das Überraschende: Der Produktivitätsverlust ist signifikant höher bei Präsentismus als bei der Gegenform Absentismus.

Quelle: statista

Dieser Produktivitätsverlust ist dann auch mit wirtschaftlichen Kosten für Unternehmen verbunden.

Ansteckungsgefahr:
Wer mit Schnupfen oder Grippe zur Arbeit kommt, riskiert damit, die Kolleg:innen anzustecken. Das hat gesundheitliche Folgen für die Teammitglieder, aber auch wirtschaftliche Folgen für das Unternehmen, wenn die angesteckten Personen entweder ausfallen oder ebenfalls weiterarbeiten, aber nicht voll leistungsfähig sind.

Sicherheitsrisiken:
Präsentismus kann sich ebenfalls negativ auf die Arbeitssicherheit auswirken, bspw. können durch Unkonzentriertheit leichter Arbeitsunfälle passieren.

Präsentismus kostet!

Es kostet Unternehmen fünf bis zehn Mal so viel, wenn Mitarbeiter, die an einer Depression leiden, zur Arbeit gehen, als wenn sie krankheitsbedingt fehlen würden. (Quelle: London School of Economics)

Was HR bei Präsentismus tun kann

Zur Prävention von Präsentismus sollten Unternehmen und HR-Expert:innen an verschiedenen Bereichen ansetzen.

Kulturelle Faktoren:

1. Mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur
Wie wir bereits an den Gründen für Präsentismus gesehen haben, hat die Unternehmenskultur einen großen Einfluss darauf, ob Mitarbeiter:innen krank zur Arbeit gehen. Eine mitarbeiterorientierte Kultur hat einen großen Hebel, um Präsentismus zu verringern und zu vermeiden. Mitarbeiterorientierte Unternehmen stellen die Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Belegschaft in den Mittelpunkt und erkennen sie als Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg (Unternehmensziele, Kundenzufriedenheit, Produkt- und Servicequalität) an. Hiermit gehen dann auch Themen einher wie

  • flexible Arbeitsmodelle,
  • Anpassung der Zielvorgaben in Bonusmodellen, die auch mit durchschnittlichen Fehlzeiten erreichbar sind,
  • und Reduzierung der Arbeitsbelastung durch genügend personelle und zeitliche Ressourcen.

Eine gute Kultur verhindert Präsentismus

Unternehmenskultur-Praxisleitfaden

Schaffen Sie mit diesem Leitfaden eine Unternehmenskultur, die Wohlbefinden fördert, und vermittelt, dass es okay ist, bei Krankheit zu fehlen.

2. Führungskultur
Führungskräfte prägen die Unternehmenskultur durch ihr Führungsverhalten maßgeblich.

Wie sie sich gegenüber ihren Mitarbeitenden verhalten, ob sie Druck ausüben oder womöglich sogar negativ auf krankheitsbedingte Fehlzeiten reagieren, wirkt sich zum einen auf die Gesundheit ihrer Teammitglieder aus und beeinflusst zum anderen, ob sie trotz Krankheit arbeiten. Und auch wenn die Vorgesetzten selbst bei Krankheit arbeiten, vermittelt dies Mitarbeiter:innen implizit eine Erwartungshaltung, es genauso zu tun.

Unternehmen sind daher gut beraten, ein gemeinsames Führungsleitbild zu etablieren, das das Wohlergehen der Mitarbeiter:innen in den Mittelpunkt stellt. Die Unternehmensleitung sollte außerdem klar ihre Erwartungen an die Führungskräfte kommunizieren, wie sie sich in Fällen von Krankheit bzw. Präsentismus in ihren Teams verhalten sollen.

3. Wertschätzung
Wenn die Mitarbeiter:innen sich wertgeschätzt fühlen und nicht den Eindruck haben, sich ständig beweisen zu müssen, werden sie sich eher die Zeit nehmen, sich im Krankheitsfall auszukurieren.

Betriebliches Gesundheitsmanagement:

Unternehmen sollten aktiv in die Gesundheit ihrer Angestellten investieren und ein betriebliches Gesundheitsmanagement etablieren bzw. ausbauen. Untersuchungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zeigen, dass Unternehmen mit einem betrieblichen Gesundheitsmanagement weniger krankheitsbedingte Personalausfälle haben und deutlich weniger von Präsentismus betroffen sind als Unternehmen, die nicht in betriebliche Gesundheitsförderung investieren.

Hierzu zählen zum Beispiel grundlegende Maßnahmen wie Betriebsärzt:innen und Programme / Aktionen zu etablieren wie

  • Gesundheitstage
  • Sportangebote
  • Partnerschaften mit Fitnessstudios
  • Achtsamkeits- und Stressbewältigungskurse
  • Kurse zur Rückengesundheit

Diese Kurse vermitteln darüber hinaus Wissen und fördern Kompetenzen der Mitarbeiter:innen im Bereich Gesundheit. Das unterstützt sie dabei, selbst im Krankheitsfall die richtige Entscheidung im Sinne ihrer Gesundheit zu treffen.

Aufklärung:

Vielen Beschäftigte sind die möglichen Folgen und Risiken von Präsentismus womöglich nicht bewusst. Daher ist Aufklärung ein zentrales Element zur Prävention.

Ist es bekannt, dass bestimmte Personen häufig krank zur Arbeit kommen, sollte die Führungskraft bzw. der oder die verantwortliche HR-Ansprechpartner:in ein Gespräch mit ihnen suchen. Hier sollten sie zum einen für die Risiken sensibilisieren werden und zum anderen vermittelt, dass niemand im Unternehmen von ihr oder ihm erwartet, bei Krankheit zu arbeiten.

Ist Präsentismus ein generelles Problem im Unternehmen, kann eine Aufklärungskampagne mit entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen, Seminaren und Coachings hilfreich sein. Sie informiert breit über die möglichen Folgen für Mitarbeitende und für das Unternehmen und zeigt auf, dass niemandem geholfen ist, wenn sie krank arbeiten (Stichwort aus Pflichtgefühl weiter arbeiten).

Welche Pflichten Unternehmen im Fall von Präsentismus haben und was sie rechtlich beachten sollten, zeigen wir Ihnen in diesem Artikel.

Fazit: Die Auswirkungen von Präsentismus zeigen, wie wichtig es für Unternehmen ist, in die Gesundheit ihrer Angestellten zu investieren und eine mitarbeiterorientierte Unternehmenskultur zu fördern. Davon profitiert nicht nur die Belegschaft, sondern es zahlt sich auch wirtschaftlich für sie selbst aus.

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