KI-Kehrtwende & Minijobs vor dem Aus?

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KI-Kehrtwende und Minijobs vor dem Aus?
Künstliche Intelligenz soll Prozesse automatisieren und Kosten senken. Doch Beispiele von Ford, Klarna und der Commonwealth Bank zeigen: Ohne menschliche Expertise funktioniert es offenbar nicht immer. Die Unternehmen setzen wieder stärker auf erfahrene Mitarbeitende.
Was können HR-Teams daraus für ihre KI-Strategie lernen? Und welche Folgen hätte eine mögliche Reform des Minijob-Sonderstatus? Sie könnte die soziale Absicherung verbessern, zugleich aber Personalkosten und Personalplanung verändern.
KI-Kehrtwende: Wenn Automatisierung an Grenzen stößt
In den vergangenen Jahren setzten viele Unternehmen auf möglichst viel Automatisierung durch KI. Teilweise wurden Stellen gestrichen, weil die Erwartung bestand, dass KI Aufgaben von Mitarbeitenden übernehmen könnte.
Inzwischen zeigt sich: Diese Rechnung geht nicht immer auf. KI kann Aufgaben beschleunigen und automatisieren. Erfahrung, Urteilsvermögen und menschliche Interaktion lassen sich jedoch deutlich schwieriger ersetzen.
Ford holt erfahrene Expert:innen zurück
Das durfte auch der amerikanische Autobauer Ford herausfinden. Das Unternehmen hat erfahrene Ingenieur:innen zurückgeholt beziehungsweise neu eingestellt. KI-gestützte Qualitätskontrollen und automatisierte Systeme allein erreichten laut Unternehmen nämlich nicht die gewünschte Produktqualität.
Erfahrene Mitarbeitende übernehmen wichtige Funktionen:
Sie erkennen Fehler und Risiken frühzeitig.
Sie geben ihr Erfahrungswissen an jüngere Mitarbeitende weiter.
Sie helfen dabei, KI-Systeme gezielt zu verbessern.
Genau dies kann die KI (zumindest heute) noch nicht im gleichen Maße leisten.
Klarna setzt wieder stärker auf persönlichen Service
Der Finanzdienstleister Klarna galt lange als Vorzeigeunternehmen beim KI-Einsatz. 2024 erklärte das Unternehmen, dass sein KI-Assistent Arbeit im Umfang von rund 700 Kundenservice-Mitarbeitenden erledigen könne.
Später räumte CEO Sebastian Siemiatkowski ein, dass die Kostensenkungen zulasten der Servicequalität gegangen seien. Inzwischen baut Klarna den persönlichen Kundenservice wieder aus.
Commonwealth Bank nimmt Stellenabbau zurück
Die australische Commonwealth Bank wollte 45 Kundenservice-Stellen durch einen KI-gestützten Sprachassistenten ersetzen. Als sich zeigte, dass dieser viele Anfragen nicht zuverlässig bearbeiten konnte, nahm die Bank ihre Entscheidung zurück.
Betroffenen Mitarbeitenden wurde angeboten, in ihre bisherigen Rollen zurückzukehren. Die Beispiele zeigen damit keinen Abschied von KI, sondern eine veränderte Aufgabenverteilung zwischen Mensch und Technologie.
„Die entscheidende Frage ist nicht: Wo können wir Menschen grundsätzlich ersetzen, sondern wo können Menschen und KI gemeinsam bessere Ergebnisse erzielen?“
– Laura Bornmann
Warum Erfahrungswissen für KI schwer zu ersetzen ist
Ein großer Teil des Wissens in Unternehmen steckt nicht in Datenbanken oder Handbüchern, sondern in den Köpfen erfahrener Mitarbeitender. Sie erkennen Ausnahmen, Risiken und Zusammenhänge aufgrund langjähriger Erfahrung teilweise intuitiv.
KI kann dieses Wissen nur berücksichtigen, wenn es dokumentiert und als Datengrundlage verfügbar ist. Genau hier wird Wissensmanagement zum strategischen HR-Thema.
Was sich dadurch für HR verändert
Für HR gewinnen mehrere Bereiche an Bedeutung:
Mentoring unterstützt den generationenübergreifenden Wissenstransfer.
Wissensmanagement hilft, Erfahrungswissen im Unternehmen zu sichern.
Recruiting sollte Urteilsvermögen und Problemlösungskompetenz berücksichtigen.
Weiterbildung bereitet Mitarbeitende auf die Zusammenarbeit mit KI vor.
„Es geht darum, dass die KI die Menschen in ihren Jobs unterstützt, und ich glaube, das muss das Ziel sein.“
– Laura Bornmann
KI-Erfolg nicht nur an Personalkosten messen
Unternehmen sollten KI-Erfolg nicht ausschließlich anhand eingesparter Personalkosten bewerten. Entscheidend ist, ob sich Qualität, Kundenzufriedenheit, Lernprozesse und die Leistungsfähigkeit von Teams verbessern.
Auch Vertrauen, Transparenz und Führung spielen eine Rolle. Denn KI wird weitere Aufgaben verändern – und Mitarbeitende müssen bei diesem Wandel ihre Kompetenzen weiterentwickeln.
Minijobs vor dem Aus? Die Reformpläne im Überblick
Das zweite große Thema von Folge 159 betrifft eine mögliche Reform der Minijobs. Die Rentenkommission hat vorgeschlagen, deren bisherigen Sonderstatus abzuschaffen und Minijobs stärker wie reguläre Beschäftigungsverhältnisse zu behandeln.
Beschäftigte würden dann reguläre Beiträge zur Sozialversicherung zahlen. Ziel ist es, Menschen mit niedrigem Einkommen besser für das Alter abzusichern und Altersarmut vorzubeugen. Ein entsprechendes Gesetz gibt es laut dem in der Folge besprochenen Stand allerdings noch nicht.
Was sich für Arbeitgeber ändern könnte
Heute zahlen Arbeitgeber für Minijobber:innen pauschale Abgaben. Künftig könnten stattdessen reguläre Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung gelten.
Die Folgen für Unternehmen sind nicht eindeutig. Die direkten Abgaben könnten zunächst teilweise sinken. Gleichzeitig könnten Beschäftigte wegen eines niedrigeren Nettolohns höhere Bruttolöhne verlangen.
Mögliche Konsequenzen für Arbeitgeber sind:
Die tatsächlichen Personalkosten könnten steigen.
Die administrative Abwicklung könnte aufwendiger werden.
Flexible Beschäftigungsmodelle könnten schwieriger werden.
Bestehende Personal- und Einsatzmodelle müssten überprüft werden.
Handel, Gastronomie und Hotellerie besonders betroffen
Besonders relevant wäre die Reform für Branchen, die stark auf Minijobber:innen angewiesen sind. Dazu gehören Handel, Gastronomie und Hotellerie.
Restaurants, Hotels und Cafés nutzen Minijobs beispielsweise, um Stoßzeiten, Wochenenden oder saisonale Spitzen abzudecken. Fällt der Sonderstatus weg, könnte dieser flexible Personaleinsatz schwieriger und teurer werden.
Was soll die Minijob-Reform erreichen?
Im Mittelpunkt der Reform steht die soziale Absicherung. Wer lange ausschließlich in Minijobs arbeitet, erwirbt nur geringe Rentenansprüche. Durch reguläre Sozialversicherungsbeiträge sollen Beschäftigte deshalb besser für das Alter abgesichert werden.
Daneben gibt es einen arbeitsmarktpolitischen Gedanken: Der bisherige Sonderstatus kann einen finanziellen Anreiz schaffen, dauerhaft im Minijob zu bleiben. Fällt dieser Vorteil weg, könnte reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für manche Menschen attraktiver werden.
Warum Beschäftigte Minijobs nutzen
Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt, ist offen. Denn Minijobs werden aus sehr unterschiedlichen Gründen genutzt:
Sie werden mit einem Studium kombiniert.
Sie ermöglichen Arbeit neben der Betreuung von Kindern.
Sie werden in beruflichen Übergangsphasen genutzt.
Sie ergänzen teilweise eine andere Beschäftigung.
Nicht alle Minijobber:innen entscheiden sich also gegen eine reguläre Stelle. Teilweise steht eine solche Beschäftigung schlicht nicht zur Verfügung oder der Minijob passt besser zur aktuellen Lebenssituation.
Könnte die Reform das Arbeitsangebot sogar reduzieren?
Wird der Minijob finanziell weniger attraktiv, muss daraus nicht automatisch mehr reguläre Beschäftigung entstehen. Manche Menschen könnten stattdessen weniger arbeiten oder ganz auf die zusätzliche Tätigkeit verzichten.
Für Arbeitgeber könnte das gerade dort zum Problem werden, wo kurzfristige und flexible Personaleinsätze wichtig sind. Welche Wirkung überwiegt, lässt sich zum aktuellen Stand noch nicht abschließend beurteilen.
Was HR aus beiden Entwicklungen mitnehmen kann
Beide Themen zeigen, wie stark sich Arbeit technologisch und regulatorisch verändert. Für HR gilt es deshalb, die Folgen für Mitarbeitende, Kompetenzen, Kosten und Personalplanung frühzeitig mitzudenken.
KI strategisch einsetzen
Beim KI-Einsatz stehen drei Handlungsfelder im Fokus:
Mitarbeitende auf die Zusammenarbeit mit KI vorbereiten.
Erfahrungswissen systematisch sichern.
Aufgaben sinnvoll zwischen Mensch und Technologie verteilen.
Minijob-Reform im Blick behalten
Arbeitgeber mit vielen geringfügig Beschäftigten sollten die politische Entwicklung beobachten. Bei einer Umsetzung könnten Personalplanung, Vergütung und flexible Einsatzmodelle neu bewertet werden müssen.
HR sollte Veränderungen nicht nur nach kurzfristigen Kosten bewerten. Entscheidend ist, welche Lösungen langfristig für Menschen und Organisation funktionieren.
Quellen:
The Guardian: “Return of the ‘greybeards’: AI backfired – so Ford had to rehire humans”
Forbes: “The Ford AI Lesson Every CEO Should Learn Before Replacing People”
Tech Crunch: “Ford rehires ‘gray beard’ engineers after AI falls short”
Fast Company: “Going ‘AI first’ appears to be backfiring on Klarna and Duolingo”
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