Sprachlich ein Zeichen setzen: m/w/d’st du noch oder genderst du schon?

Lena Bastecky über gendergerechte Sprache in Unternehmen

Worte schaffen Wirklichkeit

Sprache erzeugt Bilder in unseren Köpfen. Sie beeinflusst unser Denken. Hilft uns, Zusammenhänge zwischen Gedachtem herzustellen. Sprache ist aber nicht nur ein Symptom des Denkens, sondern wirkt sich auch darauf aus.

Sprache hilft uns u.a. dabei, stereotype Rollenbilder aufzuheben. Und das bereits von klein auf: Eine psychologische Studie an der Freien Universität Berlin zeigt, wie geschlechtergerechte Formulierungen bereits kindliche Berufsvorstellungen beeinflusst:

Dabei hat sich herausgestellt, dass Kindern, denen geschlechtergerechte Berufsbezeichnungen präsentiert wurden – also nicht nur Ingenieur, sondern auch Ingenieurin, oder nicht nur Kindergärtnerin, sondern auch Erzieher – sich tatsächlich besser vorstellen können, einen Beruf zu ergreifen, auch wenn dieser üblicherweise „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ ist.

Gendergerechte Sprache kann also schon im frühen Alter einen Beitrag dazu leisten, Mädchen* für eine Karriere in sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu motivieren. Oder Jungs* für einen Job in derzeitigen Frauendomänen zu begeistern, wie z.B. der Flugbegleitung oder Früherziehung.

Dass Sprache Realitäten prägt und erzeugt, ist keine Neuigkeit. Zahlreiche weitere Experimente und Studien haben das bereits belegt. Wer in der Sprache nicht vorkommt, existiert nicht.

Wenn also das generische Maskulinum verwendet wird, denken Rezipient*innen – egal ob jung oder alt – hauptsächlich an Männer, so „mitgemeint“ alle anderen auch sein mögen. Das gilt eben auch für die Berufswelt und die darin verbreiteten Jobtitel: Pilot, Feuerwehrmann, Arzt, Polizist, Friseur.

Gendergerechte Sprache im Arbeitsalltag

Eine inklusive, antidiskriminierende Sprache ist keine Frage von Mehrheiten, sondern von Moral und Respekt. Wir gendern, um zu signalisieren, dass Menschen in all ihrer Vielfalt in der Sprache und in der realen (Arbeits)welt die gleiche Beachtung finden.

Und noch etwas: Sie zwingt uns dazu, präzise zu sein. Uns Gedanken zu machen. Wer ist denn nun gemeint? Wen möchte ich ansprechen? Wen schließe ich eventuell gerade aus?

Ich erwarte von Unternehmen heute, dass sie sich präziser ausdrücken und nicht einfach ein faules „m/w/d“ setzen, mit dem alle gesetzlichen Vorgaben abgehakt werden.

Als Arbeitgeber sollte es doch mein Anspruch sein, alle meine Mitarbeiter*innen und Bewerber*innen erreichen zu wollen, ihre Vielfältigkeit an- und nicht nur hinzunehmen.

Bei den Bemühungen um Vielfalt geht es ja darum, sicherzustellen, dass Mitarbeiter*innen aller Geschlechtsidentitäten, Altersgruppen und kultureller Hintergründe Zugang zu den gleichen Chancen haben. Schließlich profitiert doch jede*r von Chancen und Fairness. Wieso sollten diese Bemühungen also beim Kommunizieren aufhören?

Und wie gerne schreiben sich doch Unternehmen „Diversität“ und „Fortschritt“ auf die Fahne.

Die Ablehnung gegen das Gendern der Sprache führt uns allerdings „mit Vollgas zurück in die Vergangenheit“, wie auch der Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch von der FU Berlin findet.

In deinem Unternehmen haben Gleichberechtigung und (Gender)Diversity einen hohen Stellenwert? Dann kommuniziert das auch glaubhaft!

Auf der eigenen Website, in Karrierenetzwerken wie LinkedIn und XING, Social Media und besonders in Stellenanzeigen, die oft eine erste Anlaufstelle für Kandidat*innen sind.

Konsequenterweise sollten die Bemühungen, die hinter dem (m/w/d) in Stellenanzeigen stehen, auch in den ganzen Bewerbungsprozess und den internen Kommunikationsstil einfließen. Im Falle von Online-Bewerbungsformularen, bedeutet das u.a. die Möglichkeit, ein anderes Geschlecht als männlich/weiblich auswählen zu können. Fragt euch auch einmal, ob das überhaupt von Relevanz ist.

Im direkten Schriftverkehr innerhalb des Teams sind Anreden wie „Liebes Team“, „Hallo an alle“ oder aber „Liebe Kolleg*innen/Mitarbeiter*innen“ eine gute Wahl, um niemanden sprachlich auszuschließen.

Sprache unterstreicht die Vielfalt in Unternehmen.

Vielfalt in Unternehmen sollte sich auch über die Kommunikation äußern.

Muss das wirklich sein?

Wenn eine Gesellschaft im Wandel ist, verändert sich auch ihre Sprache. Sprache ist und war niemals statisch. Sie geht mit der Zeit.

Es gibt heute eine Vielzahl an Begriffen, die wir ganz selbstverständlich nicht mehr verwenden, weil sie aus gutem Grund nicht mehr unserer Zeit entsprechen. Das veraltete „Fräulein“, „behindert“, „Zigeuner“, „Weib“, um nur einige davon zu nennen.

Und so, wie wir gezielt auf diskriminierende Ausdrücke verzichten, können wir mit gezielter Wort- und Bildwahl zur Gleichberechtigung und Vielfalt in unserer facettenreichen Arbeitswelt beitragen. Ziel ist es, die vielfältigen Lebensrealitäten sichtbar zu machen.

Das gilt besonders für den allseits beliebten Verweis auf das „Mitgemeintsein“. Diese Generalklausel stellt keine geeignete Lösung dar. Warum? Weil dabei lediglich eine Fortsetzung der traditionellen Ausklammerung anderer Identitäten als die des Mannes aus der Sprache stattfindet.

Aus Platzgründen keine genderneutrale Schreibweise zu verwenden, halte ich sowieso für völlig falsch. Gerade solche Menschen, die in unserer Gesellschaft ohnehin unterrepräsentiert sind, sollen also bei 10 Seiten Text noch mal 100 Zeichen weniger Platz einnehmen? Die Logik erschließt sich mir nicht.

EXPERIMENT: Wenn du aber davon felsenfest überzeugt bist, dass diese Lösung absolut ausreicht, dann dreh den Spieß doch einfach um. Verwende ab sofort nur mehr die weibliche Form „Liebe Kolleginnen“ und beobachte einmal wie viele Männer sich angesprochen fühlen. Gerne auch mit Generalklausel „alle anderen wären mitgemeint“.

Gendern gern – aber wie?

Überholte Argumente, wie dass es zu kompliziert oder unästhetisch sei, höre ich oft.

Dabei gibt es für alle geschlechtsspezifischen Begriffe Alternativen. Eine Möglichkeit bieten geschlechtsneutrale Ausdrücke wie Studierende, Lernende oder Mitarbeitende zu verwenden.

Bei CareFlex haben wir uns trotzdem bewusst für das Gender-Sternchen entschieden. Es ist erhaben, sieht schön aus und schafft Platz für alle Geschlechter und Geschlechtsidentitäten und somit für mehr Vielfalt. Ob sich das nochmal verändern kann? Selbstverständlich, denn Sprache ist stetig im Wandel, so wie unser Unternehmen.

Wer beim Gendern noch ganz am Anfang steht oder immer wieder auf sprachliche Hindernisse stößt, kann sich Anregungen und Hilfestellungen auf den Seiten www.geschicktgendern.de, www.genderleicht.de oder www.gendern.de holen.

Wo ein Wille ist, gibt es gute Wege

Tatsache ist, dass ich einen Teil von inklusiver Sprache so verinnerlicht habe, dass ich anfange, in diesen Strukturen zu denken und wahrzunehmen. Und ich möchte auch, dass sich meine Haltung in meiner Sprache manifestiert.

Und ja, es ist ein Prozess.

Sprache und ihre vielfältigen Ausprägungen aus sprachwissenschaftlicher Perspektive sind ein relativ junges Feld. Das führt natürlich dazu, dass noch nicht für alle möglichen Probleme optimale Lösungen entwickelt wurden.

Mein Rat: Findet selbstbewusst kreative Lösungen.

Gendergerechte Sprache kann elegant sein – und Spaß machen. Probiert es aus.

Disclaimer der Redaktion:

Auf unserem Blog möchten wir unterschiedlichen Experten Raum geben, ihre Meinung zu äußern und damit neue Denkanstöße für den HR-Bereich zu geben. Unsere Gastbeiträge vertreten dabei nicht automatisch die Ansichten von Personio.

Lena Bastecky

Lena ist ausgebildete Kommunikationsfachfrau und Employer Brand Managerin. Als Senior Referentin für Marketing & Employer Branding bei CareFlex – dem nachhaltigen Personaldienstleister im Verbund der Evangelischen Stiftung Alsterdorf – begleitet sie soziale Unternehmen auf ihrem Weg zu einer greifbaren, authentischen Arbeitgebermarke mit Anziehungskraft.