Früher Schluss! Eine Firma führt die 25h-Woche ein. Und hat damit Erfolg.

Lasse_Rheingans

Lasse Rheingans ist Geschäftsführer der Agentur Rheingans Digital Enabler. Im Dezember 2017 hat er eingeführt, dass seine Mitarbeiter statt 8 nur noch 5 Stunden am Tag arbeiten – bei gleichem Lohn. Seitdem führt er ein Interview nach dem anderen. Eines davon auch mit uns. Im Gespräch erzählt er, was er dabei gelernt hat, was das mit digitaler Transformation zu tun hat und warum eine Krise manchmal gut ist.

Lieber Lasse, deine Initiative der 25 Stunden-Woche hat einen Hype ausgelöst. Warum?

Weil alle davon reden: Wie wollen und können wir in Zukunft arbeiten? Wir haben diese Fragen in die Praxis übersetzt und einfach mal gemacht.

Woher hast du den Mut genommen?

Bei allem, was ich mache, ist nicht Geld der Antrieb, sondern gemeinsam was zu bewegen. Klingt abgedroschen, ist aber die Wahrheit. Als ich neu in die Agentur kam, hab ich mich gefragt: Was will ich tun? Hinzu kommt: Aus eigener Erfahrung weiß ich: Nicht die Zahl der Stunden ist ausschlaggebend für gute Arbeit. Ganz im Gegenteil. Ideen und Lösungen kommen beim spazieren gehen, in der Natur, dann, wenn der Kopf frei ist. Das ist wissenschaftlich bewiesen.

Nicht die Zahl der Stunden ist ausschlaggebend für gute Arbeit.

In meinem früheren Job hab ich an zwei Tagen in der Woche nur bis Mittag gearbeitet, auch aus privaten Gründen – ich habe eine Frau, die arbeitet und zwei Kinder, mit denen ich Zeit verbringen wollte und will. Es war schwer alles unter einen Hut zu bringen, daher hab ich Konsequenzen gezogen.

Hört sich nach einer Krise an. War es das?

In einer Krise war ich nicht, aber ich wäre vielleicht in eine gesteuert, hätte ich einfach weitergemacht.

Deine Initiative nennst du manchmal so: Krise. Kannst du das erklären?

Wenn wir in dem Tempo mit den Auswahlmöglichkeiten – sei es Job, Familie oder Freizeit – weitermachen wie bislang, kommen wir an unsere Grenzen. Zahlen zu Depressionen oder anderen psychischen Beschwerden belegen das. Bevor es also zu einer Krise kommt, habe ich im Dezember vergangenen Jahres in der Agentur eine Mini-Krise ausgelöst. Seitdem arbeiten wir in einem Ausnahmezustand.

Was habt ihr in dem Ausnahmezustand gelernt?

Einiges. Die guten Dinge:

  • Der Outcome ist derselbe
  • Die Kollegen arbeiten an Aufgaben, die sie gut können
  • Die Kollegen sind fokussierter, heißt weniger Social Media, weniger Ablenkung
  • Die Qualität der Arbeit hat sich verbessert
  • Die Kollegen kommen morgens motivierter ins Büro

Seitdem arbeiten wir in einem Ausnahmezustand.

Die negativen bzw. noch zu lösenden Dinge:

  • Das Soziale tritt kürzer (denn die Kaffeepausen werden weniger, die Plauder-Momente etc.)
  • Bestimmte Arbeit kommt jetzt zu mir (Konzepte machen z. B.), weil Kollegen ihre Kompetenz woanders sehen
  • Mein Job hat sich verändert: seitdem bin ich Geschäftsführer, Vetriebler und Pressesprecher in einem

Heißt: Deine Kollegen arbeiten fünf Stunden am Tag, du dafür deutlich mehr als acht?!

Derzeit ja. Aber das ist in Ordnung. Denn ich bin überzeugt davon, dass wir das Richtige tun, und zum richtigen Zeitpunkt. Das belegt auch die immense Nachfrage – seitens der Medien, aber auch seitens der Unternehmen. Die sehen, was möglich ist und wollen wissen, ob die das auch können.

Kann es denn jeder?

Ja. Anfangs dachte ich, vielleicht nicht jede Branche. Mittlerweile bin ich der Überzeugung, dass es keinen Unterschied macht. Automatisierung, digitale Tools oder Künstliche Intelligenz halten überall Einzug, sei es in der Produktion (Robotik), der Medizin (Analyse), im Rechtswesen (Watson) oder Einzelhandel (kassiererlose Kassen). In Zukunft wird also mehr kreativ als repetitiv gearbeitet werden.

Wenn ein Unternehmen keine Werte hat, wird ein solches Modell nichts bringen.

Wichtig bei der Einführung neuer Strukturen wie einer verkürzten Arbeitszeit ist: Sie müssen zur Kultur passen. Wenn ein Unternehmen keine Werte hat oder diese nicht lebt, und ein Modell einfach überstülpt, wird es nichts bringen. Aber das ist ja die bekannte Herausforderung der digitalen Transformation.

Dieses Buzzword: digitale Transformation. Inwiefern gebt ihr eine Antwort darauf?

Digitale Transformation und New Work – um ein weiteres Buzzword zu zitieren – gehen Hand in Hand. Eigentlich gewinnen wir dank digitaler Technologie Zeit: Tools machen Prozesse effizienter oder erledigen Dinge von selbst. Aber kurioserweise tritt der gegenteilige Effekt ein. Wir fühlen uns gestresster, weniger konzentriert und damit weniger produktiv. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass wir abgelenkt sind bzw. uns ablenken lassen. Denn wenn wir das machen, worauf wir richtig Lust haben, worin wir gut sind, dann arbeiten wir auch konzentriert – und leisten viel.

Digitale Transformation und New Work gehen Hand in Hand.

Hat in der Zeit schon jemand gekündigt?

Noch nicht. Aber zu Kündigungen habe ich eine sehr entspannte Haltung. Wenn jemand kündigt, freue ich mich. Denn der/die weiß, dass dieser Platz nicht der richtig für sie/ihn ist. Nur wer einen Job findet, in dem seine Kompetenzen gefragt sind, kann gute Leistung bringen. Die Zahl der Stunden ist dabei nebensächlich.

 

Fragen, die wir auch gestellt haben, auf die Lasse Rheingans in so vielen anderen Interviews schon Antworten gegeben hat. Kurz angerissen:

Wie haben die Mitarbeiter reagiert? 🙂
Wie viele Bewerbungen habt ihr seitdem erhalten?
Wie evaluiert ihr euer Projekt? Jeden Freitag: Feedback-Runde